Das Handwerksforum 2023

50 Innungsbeste und 22 Handwerksmeister*innen erhalten den Stader-Handwerks Preis.

Stade, 13.05.2023. Stadeum Stade. Auf dem traditionellen Handwerksforum kommen sie alljährlich einmal zusammen: Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Handwerk, um die Besten der Handwerksgewerke zu feiern. Darunter Landes- und Bundessieger. „Dennoch wollen wir auch denen, die heute nicht hier sind, eine Bühne bieten: Alle, die ihre Ausbildung im Handwerk erfolgreich abgeschlossen haben, sind Sieger*innen und jeder Einzelne ist wichtig für unser Handwerk,“ macht Kreishandwerksmeister Jörg Klintworth gleich zu Beginn klar. 400 geladene Gäste fanden sich im Stadeum ein, die Veranstaltung wurde zudem live im Internet übertragen und aufgezeichnet.

Geht das auch anders? Geht das auch einfacher? Kreishandwerksmeister Jörg Klintworth über ChatGPT, Politik und Bürokratie

Der Tischlermeister geht nach seinen Grußworten direkt in seine Rede über und fragt sich und die Anwesenden: „Geht das auch anders? Geht das auch einfacher?“ Damit meint er nicht seine Rede, die er probeweise mal mit einer ChatGPT versucht hatte zu generieren, aber scheiterte. „Voller Luftschlösser und Worthülsen – eine Top-Politikerrede“, sagte er mit Augenzwinkern. Er fragte anwesenden politischen Vertreter, ob es denn nötig sei, eine Flut an Bürokratie und Regulierungswut dem kleinen und mittleren Betrieb überzustülpen. „Es braucht mehr als eine Vollzeitstelle, um den zusätzlichen Papierkram zu bewältigen“, für die Handwerksbetriebe oft ein Genickbruch. „Vereinheitlichung bedeutet nicht immer Vereinfachung – eher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für uns.“

Klintworth wünscht sich auch, dass die Staatsbediensteten doch als Qualifizierung für ihr Amt „eine Ausbildung vorweisen müssten, um in der Politik arbeiten zu dürfen“, das wäre eine pragmatische und einfache Lösung, eine der wichtigsten Perspektiven in unserem Land in die Entscheidungsriegen zu bekommen, denn dann hätten wir eine Chance auf: „Flexibilisierung statt Regulierung, Vertrauen statt Bevormundung und womöglich echte „handwerkliche“ Qualitätsarbeit.“

Klintworth sagt aber auch, dass nur Meckern uns nicht weiterbringen würde, ins besonders in Hinblick auf eine immer geringe Zahl an Erwerbstätigen in Deutschland. „Handwerksbetriebe, die innovativ auf diese Krise reagieren, werden auch weiter wachsen können.“ Dabei hätte das Handwerk einen entscheidenden Vorteil gegenüber Industrie und Großgewerbe – „Wir sind nah am Menschen. Nutzen Sie das, kümmern Sie sich individuell um jeden einzelnen Mitarbeiter und sehen Sie durch seine Brille!“ So würden Arbeitskräfte bleiben und neu hinzugewonnen werden können. Klintworth fordert, den Generationskonflikt beiseitezulegen, auch wenn das mal mehr oder weniger am eigenen Ego kratzt.
Er forderte auch, sich neuen Technologien und künstlicher Intelligenz zu Nutze zu machen, um Prozesse – zum Beispiel „Bürokratieaufgaben – an diese Maschine abzugeben, Materialbesorgung und Verteilung zu optimieren, Personaleinsatz zu koordinieren und Kommunikation zu vereinfachen.“ Das alles könnten intelligente Systeme im Arbeitsalltag schultern und für Entlastung sorgen: „Haben Sie da keine Angst, manchmal ist der erste Schritt der, der den zweiten einfacher macht. Und vielleicht sei das die Antwort auf die Frage: Geht das auch anders – geht das auch einfacher.“

Prof.-Piest-Medaille steckt nun am Revers vom Stader Landrat Besondere Ehre für Tischlermeister und „Handwerks-Lobbyist“ Kai Seefried.

Seine Botschaft des Abends: „Hört auf die Handwerker und hört auf die Positionen aus dem Handwerk.“

Bis zuletzt war es für fast alle eine Überraschung, wer der neue Träger der Prof.-Piest-Medaille sein wird. „Mit dem diesjährigen Träger können wir eine deutliche Verjüngung in den Reihen der Amtsträger verzeichnen,“ scherzt Jörg Klintworth bei der Übergabe der Medaille. Seefried sei regional stark verwurzelt und hat immer ein offenes Ohr, besonders für das Handwerk, denn dort begann einst seine berufliche Karriere. Einige der Gründe, weshalb sich die Kreishandwerkerschaft Stade für Ihn ausgesprochen hätte.

Kai Seefried freut sich sichtlich über die Ehrung mit der Prof.-Piest-Medaille und hinterlässt einige nachdenkliche Worte: „Ich fühle mich sehr geehrt und bin sehr dankbar. Für mich ist und war es immer wichtig, die Interessen des Handwerks zu vertreten – im Landtag, aber auch jetzt als Landrat.“ Deshalb sei er gerne der „Lobbyist des Stader Handwerks“ – „Das bin ich gerne und mit absoluter Überzeugung“, sagt Seefried.

Auch er macht deutlich: In der Politik sind zu wenige Handwerker vertreten. Im Landtag sei er schon einer von nur wenigen gewesen, auch andere Landtage sähen nicht besser aus. „Im Bundestag sind es 15 von 736 Abgeordneten, die aus dem Bereich des Handwerks kommen.

Kreissaal – Hörsaal – Plenarsaal – „Ich möchte damit niemandem zu nahetreten, doch aus persönlicher Sicht ist es etwas anderes, auf politischer Ebene eine Entscheidung zu treffen, wenn man die Erfahrung einer Lehre oder einer Basis genossen hat. Ich bin stolz darauf, etwas mit den eigenen Händen erschaffen zu haben und für das Geschaffene Verantwortung zu tragen.“

Aber als Handwerker ginge genau diese Verantwortung über die eigene noch weiter hinaus: “Man übernimmt auch die Verantwortung für einen Betrieb, mit Mitarbeitern und Mitmenschen, die auch wieder Familie haben,“ diese Verantwortung wird im Handwerk anders gelebt als in der Großindustrie. „Das Handwerk geht mit seinen Mitarbeitern durch dick und dünn. Das ist eine Ethik des Handwerks – das sind die Grundwerte, auf die das Handwerk aufbaut,“ so der Profi.-Piest-Medaillen Träger. Seine Botschaft an diesem Abend: „Hört auf die Handwerker und hört auf die Positionen aus dem Handwerk.“ Ganz besonders in Hinblick auf die derzeitige Debatte um das neue Heizungsverbot 2024 finden Seefried: „Das wird so nicht funktionieren- das kann so nicht funktionieren,“ diese Debatte ginge an der Realität der Haushalte und Fachkräftemenge vorbei,“ auch hier fordert er: „Hört auf die Handwerker – die Basis, die im Handwerk liegt, wird für unsere kommenden Herausforderungen entscheidend sein. Ohne Handwerk keine Zukunft.“

Das ist wohl mittlerweile jedem klar: Heute geht ohne das Handwerk gar nichts mehr. Aufgewachsen im Handwerksbetrieb: Melanie Reinecke weiß, wovon sie spricht.

Melanie Reinecke selbst stammt aus einem elterlichen Familienbetrieb, in dem ihr Vater einen Sanitär- und Heizungsbaubetrieb führte. „Dieser Betrieb war der Dreh- und Angelpunkt unseres Familienlebens – und wenn der Monat mal nicht gut lief, hatten die Löhne der Mitarbeiter immer Priorität. Das Private musste dann halt warten“, beschreibt Reinecke mit viel Demut. Trotzdem hätte ihr Vater den Betrieb immer weiter ausgebaut und auch in schwierigen Zeiten nie aufgegeben. Reinecke freut sich besonders über das heutige positive Bild des Handwerks in der Öffentlichkeit, da es zu Zeiten des Familienbetriebs anders gewesen sei. „Heute geht ohne das Handwerk gar nichts mehr – und das ist mittlerweile wohl jedem in der Bevölkerung klar.“ Und sie hat noch einen Wunsch: „Setzen Sie meine Expertise hier vor Ort für die Hansestadt und den Landkreis Stade ein, um meine Heimat mitzugestalten.“

 

 

Handwerk ist auch seine Herzensangelegenheit – Duale Ausbildung in aller Welt bekannt und geachtet. Europaparlamentarier David McAllister sagt: „Made in Germany“ – und besonders das „Handwerk in Germany“ ist ein besonderes Qualitätssiegel.

20 Minuten Redezeit haben für diese Hommage an das Handwerk nicht ausgereicht, darüber war ihm aber am Ende keiner Böse, denn alle lauschten gespannt den Worten des EU-Parlamentariers aus Bad Bederkesa. Ohne das Handwerk seien die politischen Ziele, die auf europäischer oder deutscher Ebene gesetzt werden, gegenwärtig nicht umsetzbar – weder die Energiewende noch die Digitalisierung. „Ohne das Handwerk wären gegenwärtig keine einzige Solaranlage installiert, keine einzige Glasfaserleitung verlegt, kein Ausbau der Elektromobilität und Windenergie,“ beginnt McAllister mit seiner Festansprache und leitet gleich über zu einem gesellschaftlich heiß diskutierten Thema. Als Vater zweier Teenagertöchter ruft er allen jungen Leuten in Deutschland zu: „Für den Klimaschutz kann man auf die Straße gehen und demonstrieren, man kann aber auch ins Handwerk kommen und sich dort mit Klimaschutz beschäftigen“, denn 40% der Handwerksunternehmen beschäftigen sich aktiv mit Energiesparen oder Energiegewinnung. „Wenn Ihr etwas Ehrenwertes und Aktives für den Klimaschutz tun wollt, werdet Handwerker. Damit erreicht man mehr als beim Demonstrieren.“ Die Politik müsse ihren Beitrag dazu leisten, dass das Handwerk die stabile Basis unserer Wirtschaft bleibt. Besonders die Familienunternehmen, denn sie geben ihre Erfahrungen an die nächsten Generationen weiter und trotzen wirtschaftlichen Aufs und Abs und halten ihre Beschäftigten auch in den derzeit unruhigen Zeiten.

„Viele Menschen, besonders junge, suchen nach Orientierung, und hier bietet das Handwerk einen Anker,“ so McAllister. Handwerk ginge oft auch mit Ehrenamt einher und damit mit regionaler Verwurzelung. Existenzbedrohungen für Betriebe gefährden daher auch städtische und dörfliche Strukturen. „Verschwinden Handwerksbetriebe, verschwindet mehr als eine Unternehmensstruktur – es verschwindet ein Stück Deutschlands, ein Stück Bodenständigkeit.“ Deshalb bedarf es politischer Unterstützung, damit es nicht zu solchen schweren Verlusten kommt. 60% der Handwerksbetriebe sind von Umsatzrückgängen betroffen. „Dagegen muss jetzt politisch was getan werden,“ fordert McAllister und nimmt sich auch selbst in die Pflicht:

„Wir müssen unser Energieangebot konsequent und ideologiefrei gestalten – das ist elementar, um Preise zu senken und die Versorgung flächendeckend zu sichern,“ ist sein erster Gedanke dazu. Im Steuerrecht sei es notwendig, den Ausgleich der kalten Progression anzugehen. Zudem müssen staatliche Zuschüsse und Hilfen schnell und unkompliziert ausgezahlt werden. „Mehr Pragmatismus statt Bürokratie, mehr Vertrauen statt Misstrauen, mehr Tempo statt Zaudern,“ zählt er weiter auf. Der Mittelstand müsse in Sachen Bürokratie und Regulierungswut jetzt eine Atempause bekommen – mindestens so lange – bis der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zu Ende ist und sich die wirtschaftliche Lage wieder stabilisiert hätte.

Konkret kritisierte er dabei das Europäische Lieferkettengesetz, dessen Ausmaß an Bürokratie bereits überschritten wurde. Ohne gut ausgebildete Personen wird kein zukunftsfähiges Handwerk möglich sein. Seit Jahren gehen die Ausbildungszahlen im Handwerk in Deutschland zurück, obwohl sie so gefragt sind wie nie zuvor. „Man freut sich mittlerweile unendlich, wenn man einen Termin beim Handwerker bekommt,“ resümiert er.

Heute könnten sich Handwerker nicht nur ihren Wunscharbeitsplatz aussuchen, sondern auch auf sehr gute Arbeitsbedingungen einstellen. „Die berufliche Bildung ist etwas Besonderes in Deutschland.“ Selbst der indische Premierminister Narendra Modi hätte McAllister darauf angesprochen und ausgefragt: „Erzähl mir mehr – wie ist das?“ Dieses Bildungssystem führe dazu, dass Deutschland mit Abstand die geringste Jugendarbeitslosigkeit (5,7%) in ganz Europa (14%) hat und derart hohe Qualitätsstandards hätten. „Unser System der praxisnahen dualen Berufsausbildung funktioniert. Dennoch wird es auf politischer Ebene noch zu stark vernachlässigt. Als EU-Abgeordneter setze ich mich für die Stärkung unserer dualen Berufsausbildung ein,“ verspricht McAllister. Gerade das Handwerk mit seinen kleinen und mittelständischen Betrieben hätte dazu beigetragen, dass unser Land und Europa vergleichsweise gut durch die ökonomischen und finanziellen Krisen der letzten 20/25 Jahre gekommen seien.

„Etwas mehr handwerkliche Expertise, handwerkliche Bescheidenheit und handwerkliche Kompetenz sind dringend notwendig, auch in der europäischen Politik, Bundespolitik und niedersächsischen Landespolitik. Handwerker halten das Land in Deutschland und Europa am Laufen,“ schließ McAllister seine Rede ab.

Hans-Hermann-Cordes: Eine Rede ist wie ein Bikini.

Der Kreislehrlingswart Hans-Hermann Cordes hält es nach eigenen Angaben mit seiner Rede wie mit einem Bikini: „Knapp genug, um Interesse zu wecken, aber alle wesentlichen Punkte abdeckend.“ In seinem altbekannten Stil reimte er schöne Worte auf Plattdeutsch und sagte sinngemäß zu den Junghandwerker*innen: „Meister ist, wer was ersann, Geselle ist, wer etwas kann, Lehrling ist man aber ein Leben lang. Wer Tag für Tag seine Arbeit macht und das gut und gerne tut, der darf sich auch mal amüsieren.“ Und sei mal eine Frage unbeantwortet oder kein Ausweg mehr zu sehen, stünden die Kreishandwerkerschaft Stade und die ansässige Handwerkskammer ihnen beiseite.

Die letzten Worte sind nicht das Ende – rustikales Buffet – die Gäste lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Nun bat der Kreishandwerksmeister Jörg Klintworth in seinen Schlussworten noch: „Auch wenn wir gerne ein paar mehr Menschen aus dem Handwerk in der Politik sehen würden – sehen wir sie noch viel lieber bei uns in den Betrieben.“

 

Mit einer kurzen Ansprache des Pastors Dr. Christian Kurzewitz und zu den Klängen der Big Band 4beat verabschiedeten sich die Offiziellen von den Gästen und eröffneten das fulminante Buffet der Fleischerei Bartsch, Nottensdorf im Foyer des Stadeums.  Für den floralen Rahmen sorgte das Blumenhaus Katt.

Picture of Kreishandwerkerschaft Stade
Kreishandwerkerschaft Stade

Authorin: Kim Katharina Koch, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

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