Die Politik muss jetzt für Kompromisslösungen sorgen!

Materialknappheit und Preissteigerungen: Die Pandemie trifft das Baugewerbe verspätet.

Jörg Klintworth  Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Stade zeigt sich äußerst besorgt über die drastischen Entwicklungen der Materialknappheit im Baugewerbe. „Als Obermeister der Tischler-Innung Stade und selbstständiger Tischler bekomme ich das natürlich unmittelbar auch persönlich zu spüren, am eigenen Leib, aber vor allem über die vielen Kolleg*innen, die seit einigen Wochen am Telefon sitzen und versuchen, händeringend Material zu beschaffen“, so Klintworth. Die Baubranche träfe die Pandemie zeitversetzt, direkt und frontal.

„Unsere Befürchtungen aus dem letzten Jahr sind leider eingetreten, damals sind wir aber nicht von dieser enormen Dramatik ausgegangen“, beschreibt der Kreishandwerksmeister die Stimmung. Heute kämen noch weitere Faktoren dazu, dass die Materialknappheit solche Ausmaße annehme. „Dass die pandemiebedingt runtergefahrene Produktion zeitweise für etwas Materialknappheit sorgt, war uns bewusst, doch die exorbitante Nachfrage aus dem Ausland und die weiter steigende Investitionsfreude der privaten Konsument*innen im Inland (was uns natürlich sehr freut), kommt nun unmittelbar oben drauf“, resümiert der Tischlermeister.

Die Materialwirtschaft stünde vor einem Dilemma, Klintworth verstehe natürlich, dass die Produzenten aufgrund der herrschenden Marktwirtschaft agieren und ihre Produkte für das beste Angebot veräußern. Das hätte allerdings zur Folge, dass Preise für die Rohstoffe und Materialien entstanden sind, die es so noch nie gegeben hätte, beschreibt Klintworth den Prozess.

Diverse, im Welthandel begründete, Entwicklungen schaukeln sich gegenseitig auf und münden in kaum kalkulierbaren Preisentwicklungen sowie Lieferverzögerungen.

Und das Karussell geht weiter: „Täglich mehrfach steigende Preise machen Angebotserstellungen schier unmöglich. Bereits abgeschlossene oder begonnene Aufträge müssen nachjustiert werden. Selbst wenn ein Bauherr sich die steigenden Preise leisten könne: In geraumer Zeit wird uns trotzdem der Stillstand drohen. Kein Material = keine Arbeit. Kurzarbeit und lange Wartezeiten werden der Fall sein“, befürchtet nicht nur Klintworth, sondern auch viele seiner Kolleg*innen aus der Baubranche.

Und was jetzt? Materialexport stoppen sinnvoll?

Viele Verbände der gesamten Bauwirtschaft führen bereits konkrete Gespräche mit Vertretern der Politik. Denn: „Uns sind die Hände gebunden. Ob Holz, Stahl oder Kunststoffe – wir sind abhängig – auf der einen Seite von bezahlbarem, qualitativ hochwertigem Material und auf der anderen Seite von Auftraggebern, die sich die Aufträge in einem gesunden Maße auch leisten können, als Mittelsmänner dazwischen versuchen wir, gemeinsam mit den Verbänden, die Politik für das Thema kurzfristig zu sensibilisieren. Wir brauchen einen Weg, mit dem alle leben können – ein Exportstopp hört sich erstmal gut an, doch auch hier gibt es mehr als eine Seite, die betrachtet werden muss. Wir werden alle Kompromisse eingehen müssen – dies bedarf aber die Unterstützung von offizieller – politischer – Seite!“, fordert Klintworth.


PM-Auszüge vom Baugewerbeveraband Niedersachsen.

Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen schreibt dazu: „Vereinzelt geforderte protektionistische Eingriffe wie zum Beispiel Exportstopps sind für eine Handelsnation wie Deutschland weder realistisch noch zielführend,“ mahnt Matthias Wächter. Die Bauverbände werben gegenwärtig bei den politischen Entscheidungsträgern auf Landes- und Bundesebene dafür, dass die absehbaren Konsequenzen für die Bauunternehmen durch geeignete Maßnahmen abgemildert werden. Zum Beispiel sollte die pandemiebedingte Kurzarbeitergeldregelung über den 30. Juni 2021 hinaus verlängert werden. Mit Blick auf die öffentlichen Auftraggeber sind die Betriebe auf Entgegenkommen bei den ausschreibenden Stellen angewiesen. „Ohne den kurzfristigen Einsatz von praktikablen Stoffpreisgleitklauseln wird sich die prekäre Situation nicht lösen lassen und den Investitionsstau im öffentlichen Bausektor noch weiter verschärfen,“ so Wächter abschließend.  

Weiter fügt der Baugewerbeverband an:

Hinsichtlich der Betroffenheit lässt sich folgendes festhalten:

Im Bauhauptgewerbe betrifft die aktuelle Verknappung/Nichtverfügbarkeit gegenwärtig primär bestimmte Holsortimente sowie Kunststofferzeugnisse wie sog. KG-Rohre sowie kunststoffbasierte Dämmprodukte. Darüber ergeben sich bereits grundlegende Probleme bei der Sohle (Bodenplatte). Diese kann in der Regel nur mit entsprechenden Rohren bzw. Dämmungen erstellt werden. Die uns vorliegenden Umfragen im Kreise der Mitgliedsunternehmen (Zentralverband Deutsches Baugewerbe, landesspezifische Auswertung, Zeitraum Osterwoche) offenbarte, dass lediglich 17 Prozent der nds. Betriebe bzgl. Kunststoffprodukten (zusammengefasst) von einer problemlosen Verfügbarkeit sprachen. Rund 25 Prozent gaben an, dass Kunststoffprodukte (zusammengefasst) kaum bzw. gar nicht verfügbar seien. Aktuelle Mitteilungen seitens der Hersteller/Anbieter präzisieren das Problem.

Gewerkeübergreifend lagen Holzprodukte anlässlich der ZDB-Umfrage dicht dahinter (sicherlich der Tatsache geschuldet, dass tendenziell mehr Betonbauer/Massivbauer an der Umfrage beteiligt waren). Lediglich 10 Prozent der nds. Betriebe gaben an, dass Holzprodukte problemlos verfügbar seien. Nahezu 45 Prozent der Betriebe teilten uns mit, dass Holzprodukte „kaum“ bzw. „gar nicht“ verfügbar seien.

  • Die Preise wurden besonders bei Holzprodukten (76 Prozent) gefolgt von Kunststoffprodukten (56 Prozent) sowie Stahlerzeugnissen (53 Prozent)  als „sehr hoch“ beurteilt.
  • Aktuelle Umfragen im Kreise der Zimmerer des BVN (Reichweite der Umfrage: ca. 60 Prozent aller Zimmereien/Holzbauunternehmen in Nds.; auszugsweise als Anlage) offenbarten, dass knapp 70 Prozent der rückmeldenden Zimmereien/Holzbaubetriebe im Bereich der Dachlatten von Preissteigerungen jenseits der 100 Prozent (gegenüber Januar 2021) berichten (siehe Abb. 2, Anlage). 24 Prozent berichteten dazu, dass sie in diesem Zeitraum Preissteigerungen jenseits der 200 Prozent erleben. Konstruktionsvollholz folgt hier direkt (siehe ebenfalls Abb. 2). Mengenbeschränkungen und Lieferstopps wurden ebenfalls häufig (über nahezu alle abgefragten Produkte) gemeldet (siehe Abb. 1, Anlage)
  • Bei den Tischlern wurde in der letzten Woche eine ähnliche Umfrage durchgeführt (Abb. 3-4); Holz- und Holzwerkstoffe dominieren hier ebenfalls die eingeschränkte bzw. Nichtverfügbarkeit. Aber auch Bauschäume/Klebstoffe, Dämmstoffe, MDF-Platten scheinen häufig nur eingeschränkt verfügbar zu sein. Hinsichtlich der Preissteigerungen dominiert hier Holz/Holzwerkstoffe. Die Preissteigerungen scheinen hier nicht ansatzweise an jene der Zimmereien anzuschließen. 

Beachten Sie bitte, dass alle hier aufgeführten Umfrageergebnisse als nicht repräsentativ einzuordnen sind.


Obermeister kommen zu Wort.

Obermeister Metallhandwerks-Innung Stade Ingo Fischer

Stahlpreise steigen stark, Materialversorgung unsicher

Die Auswirkungen der Pandemie zeichnen sich nun direkt für jeden Metallhandwerker ab. Im letzten Jahr wurde durch den Weltweit schwächeren Absatz die Produktion von Stahl und Stahlprodukten zum Teil deutlich heruntergefahren.

Dies lässt sich gut am Schrottpreis ablesen, der vom langjährigen Mittel um 160€/to. auf 110€/to. im Mai 2020 fiel, sich dann langsam wieder erholte und seit Jahresbeginn rasant steigt und aktuell bei 270€/to. liegt.

Diese Steigerung lässt sich direkt auf die Neuprodukte übertragen, da sie zu einem größeren Teil aus Schrott gewonnen werden. Durch die Erholung der Produktion in den USA und vor allem in China wird mehr Material benötigt als produziert wird, so dass die Preise stark steigen. Bestimmte Produkte, insbesondere dünne Bleche und Betonstahl, aber auch Stahlrohre, sind nur noch in Restbeständen auf dem deutschen Markt zu erhalten.

Dramatisch sieht die Versorgung mit Edelstahl und Aluminium aus, die Läger sind wirklich leer, Material ist nicht zu bekommen. Hier gibt es Aussagen der Hersteller, dass erst ab dem vierten Quartal mit Neulieferungen zu rechnen ist. Dies wird dazu führen, dass die Firmen bestimmten

Erzeugnisse nicht mehr herstellen können und auch Baustellen aufgrund von Materialknappheit zum Erliegen kommen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen können dann, je nach Vertragslage, fatal für die Firmen werden, so dass trotz voller Auftragsbücher mit Kurzarbeit und auch Insolvenzen zu rechnen ist.

Obermeister Olaf Roitsch Innung für Elektrotechnik Stade

„Im Elektro-Bereich schlägt die Materialknappheit nun schleichend zu. Die Großhändler sind sehr bemüht, genügend Material vorzuhalten, dabei ist der eine mehr, der andere weniger gut ausgestattet. Wir sind in ständiger Korrespondenz zu den Großhändlern, damit eine Versorgung weitestgehend gesichert werden kann. Dennoch führt diese Knappheit natürlich zwangsläufig zu Preissteigerungen.

Kupfer überholt sich immer wieder selbst auf neue Rekordpreise.

Eklatant ist die Preissteigerung von Kupfer – dieses Rohmaterial betrifft uns im Elektrohandwerk entscheiden. Der Preis für eine Tonne Kupfer ist zeitweise auf einem Rekordhoch von 9000,00€.

Teufelskreis – Abhängigkeiten.

Auf einer Baustelle greifen viele Gewerke ineinander. Straffe Zeitpläne sind am Bau alltäglich. Verspätet sich ein Gewerk – hat es direkt Auswirkungen auf das folgende Gewerk. Konkret: Wird der Zimmerer mit dem Dachstuhl nicht fertig, da kein Holz geliefert werden kann – kann der Elektriker mit seiner Arbeit nicht beginnen. Die Baustelle steht still.“

Kleines Beispiel. Auf einer Baustelle im Landkreis muss der Bauerherr derzeit damit leben, dass er seine Türzarge nicht bekommt und auf die eigentliche Tür 6 Wochen Lieferzeit hat – mindestens – zum Vergleich: Früher waren solche einfachen Baumaterialien sofort und im Übermaße verfügbar. In einem Einfamilienhaus nicht dramatisch – in Gewerbeobjekten oder öffentlichen Einrichtungen, Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen usw. schon – auch hier steht die Baustelle regelmäßig wegen Materialknappheit still.“

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