Stade, 30. Juli 2026. Sechs junge Fachkräfte haben ihre Abschlussprüfung bestanden und wurden bei der zusätzlichen Freisprechung der Kraftfahrzeug-Innung Stade im Haus des Handwerks der Kreishandwerkerschaft Stade in den Gesellenstand aufgenommen. Der Termin war den Verkürzern und Wiederholern vorbehalten, während die reguläre Ausbildungszeit im Kfz-Handwerk normalerweise Ende Januar endet. Vier der sechs erfolgreichen Prüflinge waren persönlich dabei. Gemeinsam mit Familien und Freunden, Berufsschullehrern, Ausbildern und Mitgliedern des Gesellenprüfungsausschusses wurde der Abschluss gefeiert. Obermeister Ulrich Tietjen richtete den Blick dabei vor allem nach vorn: Ganz gleich, welche Antriebstechnik sich langfristig durchsetze, für das Kfz-Handwerk gelte: „Wir werden gebraucht.“ Caroline Haak, die ihre Ausbildung mit dem Schwerpunkt Motorradtechnik absolvierte, bringt die Faszination ihres Berufs auf einen anderen Punkt: „Am Ende des Tages weiß man, was man gemacht hat.“
Sechs Prüfungen bestanden
Erfolgreich abgeschlossen haben Caroline Haak von der Motorrad Nagel GmbH in Drochtersen mit dem Schwerpunkt Motorradtechnik, Radolph Jon Wibier von Auto Poppe, Inh. Wilfried Poppe, in Anderlingen mit dem Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik, David Becker von Buxi Autoreparatur & Teile GmbH in Buxtehude mit dem Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik, Ahmad Taleb von der Wilhelm Reeder GmbH, Kfz-Technik, in Stade mit dem Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik, Kimi Martin Szewczenko vom Autohaus Ludwig Meyer KG in Beckdorf mit dem Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik sowie Leon Seipke von STERNPARTNER SE & Co. KG in Buxtehude mit dem Schwerpunkt Nutzfahrzeugtechnik.
Ahmad Taleb und Leon Seipke konnten bei der Freisprechung nicht persönlich dabei sein.
Unterschiedliche Wege, dasselbe Ziel
Dass diese Freisprechung im Sommer stattfand, hatte einen besonderen Grund. Während die reguläre Ausbildungszeit im Kfz-Handwerk normalerweise Ende Januar endet, kamen hier Verkürzer und Wiederholer zusammen. Einige hatten die ursprünglich dreieinhalbjährige Ausbildungszeit verkürzt, andere ihre Prüfung im zweiten Anlauf bestanden.
Obermeister Ulrich Tietjen stellte dabei nicht den unterschiedlichen Weg in den Mittelpunkt, sondern das Ergebnis. Die Prüfung ist geschafft, die Ausbildungszeit abgeschlossen und damit beginnt ein neuer beruflicher Abschnitt.
Zu Beginn einer Ausbildung wirkten dreieinhalb Jahre oft lang, sagte Tietjen. Rückblickend vergehe die Zeit dann erstaunlich schnell. Und manches, worüber man sich während der Ausbildung über Chef, Meister oder Kollegen geärgert habe, sehe man später mit etwas Abstand anders.
An seiner eigenen Begeisterung für den Beruf ließ Tietjen keinen Zweifel. Der Kfz-Mechatroniker biete Abwechslung, technische Herausforderungen und viele Perspektiven. Für ihn persönlich sei es schlicht „der schönste Beruf der Welt“.
„Wir werden gebraucht“
Gleichzeitig sprach Tietjen die derzeit schwierige Lage in Teilen der deutschen Automobilindustrie offen an. Stellenabbau, Produktionsverlagerungen und Unsicherheiten bei Herstellern und Zulieferern seien Realität. Für die Werkstätten folge daraus jedoch keineswegs, dass ihnen die Arbeit ausgehe.
Fahrzeuge würden weiterhin gebraucht, länger gefahren, gewartet und repariert. Parallel verändert sich die Technik rasant. Elektromobilität, Hochvolttechnik und neue Antriebskonzepte seien längst Teil des Berufsalltags.
Ob Fahrzeuge künftig elektrisch, mit Benzin, Diesel, Gas, Hybridtechnik, Wasserstoff oder einer anderen Technologie unterwegs seien, sei deshalb nicht die entscheidende Frage. Tietjens Botschaft an die jungen Fachkräfte war klar: „Wir werden gebraucht.“
Gerade im ländlichen Raum bleibe individuelle Mobilität unverzichtbar. Pkw bringen Menschen zur Arbeit, Transporter Handwerker zu ihren Kunden und Nutzfahrzeuge Waren dorthin, wo sie gebraucht werden. Ohne funktionierende Fahrzeuge funktioniert auch ein beträchtlicher Teil von Wirtschaft und Alltag nicht.
Wer aufhört zu lernen, bleibt stehen
Der Gesellenbrief sei deshalb kein Schlusspunkt. Tietjen verwies auf Weiterbildungen zum Service- oder Diagnosetechniker, Qualifikationen in der Hochvolttechnik, die Meisterprüfung, Tätigkeiten im Kundenservice, den Weg zum Sachverständigen oder ein späteres Studium.
Eines werde alle diese Wege begleiten: kontinuierliches Weiterlernen. Fahrzeugtechnik verändere sich ständig und wer langfristig erfolgreich sein wolle, müsse offen und neugierig bleiben.
Für Tietjen ist genau das auch eine Stärke des Handwerks. Wer sein Fach beherrscht, besitzt eine konkrete Qualifikation. „Hier ist man nicht irgendeine austauschbare Nummer. Hier ist man jemand, der etwas kann.“
Eine Lebenslektion vom AGR-Ventil
Auch die traditionelle Freisprechung bekam einen ausgesprochen technischen Bezug. Lehrlingswart Mike Duschek griff dafür zum Abgasrückführungsventil, kurz AGR.
Wie dabei ein Teil dessen, was den Verbrennungsprozess bereits durchlaufen hat, erneut zurückgeführt wird, sollten auch die neuen Gesellen Erfahrungen aus ihrer Ausbildungszeit noch einmal betrachten. Situationen, in denen ein Prüfer kritisch geschaut, ein Ausbilder nachgehakt oder eine Lösung nicht funktioniert habe, müsse man nicht einfach abhaken.
Es lohne sich, noch einmal zu fragen: Warum ist etwas schiefgelaufen? Was kann ich daraus lernen? Und was mache ich beim nächsten Mal besser?
Anschließend wurden die bisherigen Auszubildenden offiziell freigesprochen und in den Gesellenstand aufgenommen.
Caroline Haak: Mit 1,0 und lieber Werkstatt als Schreibtisch
Eine besonders starke Leistung zeigte Caroline Haak aus Stade. Sie absolvierte ihre Ausbildung zur Kraftfahrzeugmechatronikerin mit dem Schwerpunkt Motorradtechnik bei der Motorrad Nagel GmbH in Drochtersen und schloss ihr Berufsschulzeugnis mit der Note 1,0 ab.
Dass sie einmal beruflich an Motorrädern arbeiten würde, stand nach dem Abitur noch nicht fest. Der entscheidende Kontakt entstand durch ihr eigenes Motorrad, das zum Service musste. Bei Motorrad Nagel bot man ihr spontan ein Praktikum an. Danach war die Richtung ziemlich schnell klar.
Ein früheres Schulpraktikum im Büro hatte ihr bereits gezeigt, was sie eher nicht wollte. Caroline fasst das knapp zusammen: „Schreibtisch geht nicht.“
In der Werkstatt sah es anders aus. „Als ich dann dort in der Werkstatt war, hat das richtig Laune gebracht, am Motorrad rumzuschrauben.“
Aufgrund ihres Abiturs konnte sie ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzen. Dass sie dafür Unterrichtsstoff teilweise selbstständig nacharbeiten musste, war ihr von Anfang an bewusst. Der eigene Ehrgeiz war da und das Ergebnis mit 1,0 entsprechend deutlich.
Besonders gern übernimmt Caroline Aufgaben, deren Lösung nicht sofort auf der Hand liegt. „Ich würde mir den Auftrag rausziehen, wo ich selber dran zu kniffeln habe.“
Fehlersuche, prüfen, Zusammenhänge verstehen und sich Stück für Stück an die Ursache heranarbeiten, genau darin liegt für sie der Reiz. Wenn das Motorrad anschließend wieder läuft, kommt der Moment, für den sich die Suche gelohnt hat: „Dann hat man so ein Glücksgefühl und sagt: Ey, ich habe was hinbekommen, ich habe es geschafft.“
Für Caroline ist es genau dieses konkrete Ergebnis, das Handwerk besonders macht. „Am Ende des Tages weiß man, was man gemacht hat.“ Man sieht, was die eigene Arbeit bewirkt, und erlebt im besten Fall unmittelbar die Freude des Kunden, der sein funktionierendes Motorrad wieder mitnehmen kann.
Mit handwerklichem Fundament ins Maschinenbaustudium
Als Nächstes könnte für Caroline ein Maschinenbaustudium in Bremen folgen. Ihre Ausbildung sieht sie dabei keineswegs als Umweg. Sie weiß bereits aus der Praxis, wie Motoren, Maschinen und technische Zusammenhänge funktionieren. Auch das sonst notwendige achtwöchige Vorpraktikum wird ihr aufgrund der abgeschlossenen Ausbildung anerkannt.
Eine spätere Rückkehr ins Handwerk ist ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Ihr Ausbildungsbetrieb habe ihr bereits signalisiert, dass sie jederzeit wieder willkommen sei.
Auch Caroline selbst hält sich diesen Weg offen: „Die Ausbildung ist in der Tasche und zu dem Beruf würde ich auch immer wieder zurückkommen.“
Neben Motorrädern spielt Musik eine große Rolle in ihrem Leben. Sie singt, hatte lange Gesangsunterricht und war in Big Bands aktiv. Wo sie Mitte 30 stehen wird, möchte sie gar nicht festlegen. Entscheidend sei vielmehr: „Dass ich weiterhin ich bleibe und das verfolge, was mich glücklich macht.“
Radolph Jon Wibier: Wenn die Lösung nicht sofort auf der Hand liegt
Auch Radolph Jon Wibier, 22 Jahre alt, erzielte ein starkes Ergebnis. Er absolvierte seine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker mit dem Schwerpunkt Personenkraftwagentechnik bei Auto Poppe, Inh. Wilfried Poppe, in Anderlingen.
Nach dem Abitur fiel seine Entscheidung für die Ausbildung erstaunlich kurzfristig. Den Betrieb kannte er bereits aus einem Praktikum. Sein späterer Chef hatte ihm damals gesagt: „Solltest du irgendwann mal eine Ausbildung suchen, komm zu uns.“
Andere Bereiche hatte Wibier ebenfalls ausprobiert. Ein Praktikum in der Land- und Baumaschinentechnik überzeugte ihn nicht, auch die Lackiererei war ihm auf Dauer zu eintönig. In der Kfz-Mechatronik passten dagegen Technik, Abwechslung und das Umfeld im Betrieb.
Seine Lieblingsaufgabe ist ziemlich eindeutig: Diagnose.
„Ich würde irgendwas nehmen, wo ein Fehler ist und wo man nicht direkt weiß: Okay, das ist es.“
Ein, zwei oder drei Stunden messen, diagnostizieren und Möglichkeiten ausschließen, um schließlich die Ursache zu finden, empfindet er nicht als lästig. Genau das macht ihm Spaß. Wenn das Fahrzeug anschließend wieder läuft, sei es „das geilste Gefühl“.
Dabei verklärt Wibier seinen Beruf nicht. „Der Job ist anstrengend, kann sehr fordernd sein, aber am Ende des Tages hat man was Gutes gemacht.“
Gerade das Arbeiten mit den eigenen Händen und das sichtbare Ergebnis seien für ihn wichtige Pluspunkte. Hinzu komme der Kontakt mit den Kunden und das direkte Feedback, wenn ein Problem gelöst ist.
Auch seine Leistungen wurden bei der Freisprechung besonders gewürdigt. Wibier erreichte im Berufsschulabschluss 1,2 und überzeugte zudem mit einer sehr guten praktischen Leistung. Aufgrund seines Gesamtergebnisses erhält er die Möglichkeit zur Teilnahme am Leistungswettbewerb des Kraftfahrzeuggewerbes.
Von der Werkstatt zu den erneuerbaren Energien
Auch für Wibier soll der Gesellenbrief nicht die letzte Qualifikation bleiben. Er möchte Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Erneuerbare Energien studieren.
Maschinen, Physik und Thermodynamik interessieren ihn ebenso wie wirtschaftliche Zusammenhänge und Zahlen. Das Studium verbindet für ihn genau diese Bereiche.
Die handwerkliche Ausbildung nimmt er dabei mit. Technische Grundlagen kennt er nicht nur aus Büchern, sondern aus drei Jahren praktischer Arbeit.
Langfristig möchte Wibier Technik und Nachhaltigkeit miteinander verbinden: „Am besten in einem Betrieb, der sich mit der Umwelt beschäftigt, irgendwie mit erneuerbarer Energie. Irgendwas, was dem Klima hilft.“
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Zum Abschluss dankte Obermeister Ulrich Tietjen allen, die an der Ausbildung beteiligt waren: den Ausbildungsbetrieben und Ausbildern, den Berufsschullehrern, den Ausbildern im Technologiezentrum, den Mitgliedern des Prüfungsausschusses sowie den Familien, die die jungen Menschen während ihrer Ausbildungszeit begleitet haben.
Sechs bestandene Prüfungen stehen damit am Ende unterschiedlicher Wege. Der Gesellenbrief ist dabei weniger Ziel als Ausgangspunkt. Werkstatt, Weiterbildung, Meister oder Studium: Auf einem guten handwerklichen Fundament lässt sich einiges aufbauen.
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