Ahlerstedt, 14. August 2026. Im Schützenhof Ahlerstedt hat die Dachdecker-Innung Stade sieben junge Dachdeckerinnen und Dachdecker feierlich aus der Ausbildung entlassen und in den Gesellenstand aufgenommen. Drei Ausbildungsjahre, Theorie, Praxis und eine Abschlussprüfung bei hochsommerlichen Temperaturen liegen hinter ihnen. Obermeister Andreas Brahmst machte deutlich, dass mit dem Gesellenbrief nicht nur etwas endet: „Ab jetzt heißt es liefern.“ Prüfungsausschussvorsitzender und stellvertretender Lehrlingswart Jan-Torge Deden richtete den Blick auf einen Beruf, der angesichts von Hitze, Hagel, Sturm und einem großen Sanierungsbedarf gebraucht wird: „Unser Handwerk ist einfach wichtig. Wir können stolz auf das Handwerk sein und ihr könnt stolz darauf sein, so einen tollen Beruf gelernt zu haben.“
Was es im Handwerk braucht? Herz.
Andreas Brahmst trat zur Freisprechung bewusst in traditioneller Kluft vor die jungen Gesellinnen und Gesellen. „Das ist kein Kostüm, das ist auch keine Uniform. Das ist eine Kluft“, erklärte der Obermeister. Schwarze Hose und Weste könne man kaufen. Entscheidend sei etwas anderes: „Was es im Handwerk braucht, ist Herz.“
Drei Jahre Ausbildung hätten den jungen Menschen einiges abverlangt. Arbeitstage, Berufsschule, überbetriebliche Lehrgänge und manches Mal auch Verzicht gehörten dazu. Vor allem aber sei während dieser Zeit etwas passiert, das bei einer Freisprechung leicht übersehen werde, sagte Brahmst: „Ihr seid erwachsen geworden.“ Damit verändere sich auch die Erwartung an die frischgebackenen Gesellinnen und Gesellen. Der Schutzraum Ausbildung werde kleiner, Eigenverantwortung wichtiger. Brahmst formulierte es unmissverständlich: „Ab jetzt heißt es liefern.“
Das Dachdeckerhandwerk werde sich durch neue Techniken, veränderte Bauweisen und Digitalisierung weiterentwickeln. Entscheidend sei deshalb nicht, alles bereits zu wissen, sondern wissen zu wollen. „Seid neugierig für die Zukunft“, gab Brahmst den jungen Fachkräften mit. Sie sollten neue Maschinen und Systeme kennenlernen, ihren Arbeitgebern auch einmal „auf den Senkel gehen“ und Dinge ausprobieren wollen. Gute Arbeit habe zugleich ihren Wert: Wer Leistung bringe, werde künftig auch gutes Geld fordern können.
Sein Appell zum Abschluss: „Fordert das, was ihr fordern könnt, aber bringt auch die Leistung.“
Eine Prüfung, bei der nicht nur das Ergebnis stimmte
Jan-Torge Deden führte in diesem Jahr erstmals als Vorsitzender durch die Gesellenprüfung und nutzte seinen Rückblick auch für ein besonderes Lob an die Gruppe: „Es war wirklich eine ganz tolle Truppe.“
Während bei den eigentlichen Prüfungsarbeiten selbstverständlich jede und jeder auf sich gestellt war, habe sich außerhalb der Bewertung gezeigt, was gutes Handwerk ebenfalls ausmache. Fehlte eine Wasserwaage, wurde ausgeholfen, nach Abschluss der Arbeiten packten alle beim Abräumen mit an. Deden erinnerte sich deshalb an eine trotz aller Anspannung angenehme Prüfungsatmosphäre.
Einfach war die Prüfung dennoch nicht. Gerade der erste praktische Prüfungstag fiel in eine Phase großer Hitze. Die praktischen Aufgaben deckten die drei Kernbereiche Steildach, Fassade und Flachdach ab. Für die Hauptarbeitsprobe konnten sich die Prüflinge für unterschiedliche Aufgaben entscheiden, die Nebenarbeitsproben ergänzten jeweils die anderen Bereiche. Bewertet wurde unabhängig voneinander durch die Mitglieder des Prüfungsausschusses. Praxis und Theorie flossen anschließend in das Gesamtergebnis ein.
Neben Deden gehörten dem Prüfungsausschuss der langjährig erfahrene Klaus Käsehage sowie Mario Ehlers als Gesellenbeisitzer an. Brahmst dankte Deden ausdrücklich für die Übernahme des zeitintensiven Ehrenamtes.
Ein Beruf, der gebraucht wird
Warum Nachwuchs im Dachdeckerhandwerk gebraucht wird, machte Deden anhand der immer extremeren Wetterereignisse deutlich. Hagel, Stürme und lang anhaltende Hitze belasten Dächer und Materialien, gleichzeitig gebe es zahlreiche ältere Gebäude mit Sanierungsbedarf.
Für Dachdeckerinnen und Dachdecker bedeutet das nicht nur viel Arbeit, sondern auch Verantwortung. Nach Unwettern sind sie diejenigen, die beschädigte Dächer sichern und wieder instand setzen. Auf Flachdächern können sich Materialien im Sommer auf extreme Temperaturen aufheizen, während im Winter, bei Regen und Wind ebenso gearbeitet werden muss.
Technische Entwicklungen und auch künstliche Intelligenz würden daran nichts Grundsätzliches ändern, so Deden. Am Ende brauche es Menschen, die ihr Handwerk beherrschen. „Wir brauchen das Dachdeckerhandwerk mit starker Hand.“
Dass er selbst nach rund 25 Jahren noch immer für seinen Beruf brennt, wollte Deden den neuen Gesellinnen und Gesellen mitgeben: Genau diesen Spaß an der Arbeit wünsche er ihnen auch für die kommenden Jahrzehnte.
Sieben Mal bestanden und einmal ein besonderer Hammer
Sieben Nachwuchskräfte konnten anschließend ihre Gesellenbriefe entgegennehmen:
Sieben neue Gesellinnen und Gesellen im Dachdeckerhandwerk
Sieben Nachwuchskräfte konnten anschließend ihre Gesellenbriefe entgegennehmen:
Louis Steffens, Tobias Holst Dachdeckermeisterbetrieb GmbH, Horneburg
Paul Herwede, Dachdeckerei Kühn GmbH & Co. KG, Horneburg
Melvin Schmidt, Michaelis Bedachung GmbH & Co. KG, Ahlerstedt
Zigmārs Jānis Veigurs, Hans-Hermann Henning GmbH & Co. KG, Stade
Christoph Dührkop, Fittschen Bedachungen GmbH & Co. KG, Sauensiek
Mieke Brüssel, Dachdeckerei Kühn GmbH & Co. KG, Horneburg
Valentin Amadeus Rittmann, Frank Driebe Dacharbeiten, Oberndorf
Raus aus der IT, rauf aufs Dach: Christoph Dührkop
Für Christoph Dührkop war der Weg ins Dachdeckerhandwerk keine von Kindesbeinen an feststehende Entscheidung. Der 18-Jährige machte zunächst seinen Realschulabschluss und wusste längere Zeit nicht genau, wohin es beruflich gehen sollte. Ein schulisches Praktikum führte ihn zunächst in die IT. Dort lernte er ziemlich schnell, was er nicht wollte: „Die ganze Zeit nur vorm PC sitzen, das ist nicht meins. Lieber draußen an der frischen Luft was machen und mit den Händen arbeiten.“
Ein Praktikum bei Fittschen Bedachungen GmbH & Co. KG in Sauensiek zeigte ihm die Alternative. Die Arbeit gefiel ihm so gut, dass aus dem Praktikum schließlich die Ausbildung wurde.
Besonders gern arbeitet Christoph am Steildach. Gerade die unterschiedlichen Tätigkeiten machen für ihn den Reiz aus: Dachrinnen montieren, Dächer eindecken, Schornsteine verkleiden und immer wieder vor einer anderen Aufgabe stehen. Fragt man ihn nach einem Wort für seinen Beruf, muss er deshalb nicht lange überlegen: „Vielseitig.“
Dazu kommt die Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen. Christoph ist lieber im Team unterwegs als allein. Nach Feierabend spielt Fußball ebenfalls eine Rolle, ob selbst auf dem Platz oder beim Stadionbesuch.
Mit dem Gesellenbrief ist für ihn bei Fittschen noch nicht Schluss. Er möchte im Unternehmen bleiben und dort als Geselle weiterarbeiten. Und wenn man den Blick ein paar Jahre weiter in die Zukunft richtet? Ein eigenes Haus soll es irgendwann sein und ein schönes Auto. Beim Wunschmodell wird Christoph konkreter: Ein Audi dürfte es gerne werden.
Fachabi Wirtschaft? Mieke Brüssel wollte lieber anpacken
Auch Mieke Brüssel nahm zunächst einen anderen Anlauf. Nach ihrem Realschulabschluss versuchte sich die 21-Jährige aus Buxtehude am Fachabitur im Bereich Wirtschaft. Ein Praktikum und die anschließende Aushilfstätigkeit bei Stackmann machten zwar Spaß, als berufliche Zukunft konnte sie sich diesen Weg aber nicht vorstellen. Büroarbeit war schlicht nicht das, was sie suchte.
Ein Praktikum bei der Dachdeckerei Kühn GmbH & Co. KG in Horneburg änderte die Richtung. Die Arbeit machte ihr Spaß und sie blieb für die Ausbildung gleich dort.
Als Frau in einem noch immer deutlich männlich geprägten Beruf fiel sie auf. Negative Erfahrungen seien aber eher die Ausnahme geblieben. Teilweise habe sie sogar erlebt, dass Kollegen anderer Gewerke ihr ungefragt Arbeit abnehmen wollten, obwohl sie gar keine Hilfe brauchte. Von Kundinnen und Kunden seien die Reaktionen überwiegend positiv gewesen. Einzelne Kommentare nach dem Motto, im Handwerk müsse man „richtig arbeiten können“, gab es trotzdem. Davon ließ sie sich nicht beeindrucken.
Am liebsten würde sie sich auf dem morgendlichen Auftragszettel ein größeres Flachdach greifen. Vom Aufbau der Dampfsperre über die Dämmung bis zu den weiteren Schichten gefällt ihr genau dieser Bereich besonders.
Dass der Beruf körperlich fordert, verschweigt Mieke nicht. Gleichzeitig habe sich ihr Körper während der Ausbildung an die Arbeit gewöhnt. „Man hat mehr Muskeln aufgebaut, deswegen ist es jetzt einfacher als am Anfang.“ Und genau dieses Gefühl, nach einem Arbeitstag körperlich etwas getan zu haben, gefällt ihr: „Ich finde es auf jeden Fall besser, als im Büro zu sitzen, wenn man am Ende des Tages merkt, dass der Körper einfach müde ist.“
Natürlich gibt es Tage, an denen selbst sie kurz mit einem klimatisierten Büro liebäugelt. Dauerregen, Schnee oder extreme Hitze gehören schließlich ebenfalls zum Beruf. Insgesamt beschreibt Mieke das Dachdeckerhandwerk trotzdem mit drei einfachen Worten: „Anstrengend, schön und frische Luft.“
Auch für sie geht es bei Kühn weiter. Zunächst möchte sie als Gesellin Berufserfahrung sammeln und schauen, wohin sich ihr Weg entwickelt. Für das Leben mit 35 gibt es keinen starren Masterplan. Ein Hund wäre schön, vielleicht auch wieder ein Pferd. Den Rest lässt sie auf sich zukommen.
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